Diese Geschichte ist für alle Menschen, die auf der Suche nach ihren Flügeln sind –
für alle, die am Rand ihres eigenen Nestes stehen und fühlen, dass es Zeit ist, sich zu erinnern, wer sie sind.
So oft glauben wir der Angst, die uns Geschichten zuflüstert – Geschichten darüber, wie gefährlich ein Schritt sein könnte,
wie groß ein Risiko wirkt, wie sehr wir scheitern könnten.
Ihre Stimme ist oft so viel lauter als die leise, warme Stimme des Mutes in uns. Die Angst meint es nicht böse – sie will uns schützen, uns bewahren, uns festhalten in der vermeintlichen Sicherheit.
Und doch wachsen unsere menschlichen Flügel am meisten, wenn wir uns trauen.
Nicht weil wir keine Angst mehr haben, sondern weil wir ihr liebevoll die Hand reichen und trotzdem weitergehen.
Diese Geschichte ist für dich.
Für den Teil in dir, der mutig ist — auch wenn er sich noch nicht so fühlt.
Für den Teil, der Angst kennt und trotzdem weitergeht.
Für den Teil, der spürt, dass seine Flügel nicht zufällig da sind.
Arthur ist nicht nur ein junger Adler.
Er ist ein Symbol dafür, wie wir alle manchmal am Rand unseres eigenen Lebensnestes stehen — zitternd, zweifelnd, und doch bereit für mehr. Wenn du möchtest, begleite ihn jetzt ein Stück. Vielleicht erkennst du dich in ihm wieder. Vielleicht entdeckt ein Teil von dir seine eigenen Flügel neu.
Artur und die Angst vor dem Fliegen
Hoch in den Alpen auf einem Felsvorsprung hatten die Adlereltern im Frühling ihren Horst gebaut.
Das Adlerweibchen hatte drei Eier gelegt. Geduldig hatten die Eltern ihre Eier ausgebrütet und dann ihre Jungen Tag für Tag mit Futter versorgt. Die Küken sind über die nächsten Wochen gewachsen und zu stattlichen jungen Adlern herangewachsen. Zwei der jungen Adler sind auch schon ausgeflogen, doch einer saß noch im Nest.
Sein Name war Artur. Artur war ein pfiffiger junger Adler. Er hat nur ein Problem, er hat Angst vorm Fliegen.
Seine Geschwister flogen schon seit Tagen um den Adlerhorst herum. Er sah, wie sie flogen und Spaß hatten, aber er hatte Angst. Angst, seine Flügel auszubreiten und seine Füße über das Nest hinauszusetzen. Angst, seine Flügel wären zu klein. Angst, der Wind könnte ihn nicht tragen und er würde in die Tiefe stürzen wie ein Stein.

Er hatte das Gefühl, dass die Angst auf dem Rand seines Nestes saß und ihn beobachtet. Sie flüsterte ihm ständig ihre ängstlichen Gedanken zu: „Das schaffst du nicht! Was ist, wenn du abstürzt? Sie nur wie tief es hinunter geht! Deine mickrigen Flügel tragen dich niemals!“
Artur war verzweifelt.
Aus lauter Angst vor dem Fliegen hatte er sich dann überlegt, einfach Dinge zu tun, die er bei anderen Tieren beobachtet hatte. Er versuchte zu singen wie der kleine Mauerläufer, der immer mal vorbeiflog. An einem Tag versuchte er, so zu klettern wie die Steinböcke, die er in der Nähe beobachtet hatte. Doch weder der kleine Mauerläufer noch die Steinböcke waren begeistert von seinem Tun. Im Gegenteil, der Mauerläufer war entsetzt über seinen Gesang und die Steinböcke lachten über seine Kletterkünste.
So saß Artur in seinem Horst und blickte in die Ferne, als er sah, wie sein Vater majestätisch auf ihn zuflog. Sein Vater landete und blickte seinen Sohn fragend an: „Artur, was ist los mit dir? Warum fliegst du nicht los?“ „Vater siehst du nicht, meine Flügel sind viel zu klein. Niemals werde ich fliegen können!“ meinte Artur. Sein Vater blickte ihn nachdenklich an und sagte: „Weißt du Artur, auch wenn deine Flügel ein bisschen kleiner sind als die deiner Geschwister, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, dass du dem vertraust, was du bist und was in dir ist.“ „Aber was ist in mir?“ fragte Artur.
„Du bist ein Adler, du bist dafür geboren zu fliegen. Wenn du einmal den Wind unter deinen Flügel gespürt hast, du die Welt von oben siehst und du spürst, was es heißt zu fliegen, wirst du nie wieder darauf verzichten wollen.“ sprach der Vater. „Was glaubst du, was du brauchst Artur, um loszufliegen?“ fragte er. Artur überlegte eine Weile und meinte dann: „Größere Flügel?“ Der Vater lacht laut: „Nein Artur, deine Flügel sind perfekt!“ Dann wurde er wieder ernst und sagte: „Was dir fehlt, ist ein bisschen Mut! Mut, deine vermeintliche Sicherheit hier aufzugeben!“ „Weißt du, ich hatte auch ein bisschen Angst vor meinem ersten Flug,“ erzählte der Vater.

„Die Angst saß mir wie ein schwerer Stein auf der Brust und sie drückte mich immer wieder zurück in den vermeintlich sicheren Horst. Etwas in mir wollte aber fliegen, ich wollte mutig sein, ich wollte wissen, wie das ist und so akzeptierte ich, dass ich zwar Angst hatte, sie aber nicht über mein Leben bestimmen durfte. Heute weiß ich, die Angst war nur in meinem Kopf. Die Angst hat in meinem Kopf Bilder entstehen lassen von Dingen, die gar nichts mit der Realität zu tun hatten. Wenn du mich heute fragst, wie ich die Angst besiegt habe, kann ich dir nur sagen, es gibt keinen Sieger. Irgendwann habe ich verstanden, dass es keinen Sinn hat, gegen die Angst anzukämpfen. Es funktioniert nur, indem du die Angst mitnimmst. Die Angst, braucht den Mut. Den Mut etwas zu versuchen, auch wenn du es heute vielleicht noch nicht perfekt kannst. Gib der Angst, einen Platz auf deinen Schwingen und zeige ihr, wie schön es ist zu fliegen.“ erzählte der Vater. Artur sah seinen Vater staunend an. Niemals hätte er gedacht, dass auch sein Vater Angst vor seinem ersten Flug gehabt hatte.
„Weißt du Arthur, erst als ich mich meiner Angst gestellt hab, ist sie verschwunden. Ich habe es nie bereut, meine Angst eingeladen zu haben mitzukommen. Manchmal hatte ich das Gefühl, wie die Angst vor Freude gelacht hat als wir gemeinsam losgeflogen sind. Die Angst, mein Mut und ich. Wenn du einmal in dich fühlst, wirst du merken, dass auch in dir dieser Mut ist, ein Adler zu sein. Wenn du diese Stimme hörst, die dir zuflüstert: „Flieg!“ Dann vertrau ihr und flieg los!“ rief der Vater, bevor er sich erhob und davonflog.
Artur blieb nachdenklich zurück.
Was, wenn der Vater recht hatte und die Angst tatsächlich nur in seinem Kopf war. Wenn nur die Angst ihm sagte, dass seine Flügel zu klein waren. Plötzlich hörte er diese zarte Stimme in seinem Kopf die vorher immer durch die Geschichten der Angst übertönt wurden. „Flieg!“ Da erkannte Artur, die Angst war die ganze Zeit so laut in ihm, dass er die Stimme des Mutes gar nicht hören konnte. Plötzlich spürte er, wie sein ganzer Körper anfing zu kribbeln. Was war das? Und die Stimme in ihm wurde immer lauter „Flieg!“ rief sie ihm zu. War das der Mut von dem Vater gesprochen hatte? Artur war ganz aufgeregt und sprach so für sich: „Angst, wir fliegen jetzt los. Siehst du den Felsen dort drüben? Dorthin werden wir fliegen. Spring auf, es geht los!
So breitete er seine Flügel aus. Er erkannte, dass seine Flügel wunderschön waren und gar nicht so klein wie er immer gedacht hatte. Er spürte den Wind in seinen Federn, wie jede einzelne Feder förmlich darauf gewartet hatte, endlich abzuheben. Artur hüpfte auf den Rand seines Nestes und bewegte seine Flügel so wie er es bei seinem Vater so oft gesehen hatte und flog los. Zuerst konnte er es gar nicht glauben, dass er tatsächlich flog. Seine Flügel trugen ihn, der Wind und seine Flügel waren perfekt aufeinander eingestimmt.
Das war es also, Fliegen!
Wie schön sich das anfühlte, vom Wind getragen zu werden. Ein Riesenglücksgefühl durchströmte Artur und da hörte er es, dieses vorsichtige Lachen der Angst. Sie freute sich über diesen ersten erfolgreichen, schönen Flug, sie genoss es sogar.
Nur kurz machte Artur an dem Felsen Pause, um zu realisieren, dass er tatsächlich geflogen war.
Doch bald schon flog er wieder los, er genoss das Fliegen. Mit der Zeit wurde er immer mutiger, er übte Loopings und Sturzflüge. Der kleine Mauerläufer der vor ein paar Tagen noch über ihn gelacht hatte, pfiff anerkennend, als er sah, wie Arthur durch die Lüfte sauste. Artur liebte es zu fliegen und die Welt von oben zu sehen, er konnte Dinge sehen, die außer ihm niemand sehen konnte. Er fühlte sich frei. Er wusste, dass er nie wieder auf dieses Gefühl von Freiheit verzichten wollte. Die Freiheit, die ihm das Fliegen gab und die Freiheit, die es ihm gab, trotz Angst etwas zu wagen.
Er war frei, weil er seine Angst mitgenommen hatte, um ihr zu zeigen, wie schön das Leben ist.
Text & Idee © 2025 Gedankenpfade · Sonja Höhn

Für mich ist Arthur nicht nur eine Figur in dieser Geschichte. Er ist auch ein Teil von mir — ein Teil, der mich immer wieder daran erinnert, meine Flügel auszubreiten, auch dann, wenn die Angst versucht, mich in meinem Lebensnest festzuhalten. Und vielleicht… erinnert er auch dich daran.
Denn ich glaube fest daran, dass jedes Mal, wenn ein Mensch seine Angst überwindet, in seinem Inneren ein kleiner Held geboren wird.
Hab es gut auf deiner Reise durch das Leben.
Sonja